Besonderes
Im Moment bin ich das absolute Gegenteil von "unterwegs"- eine starke Erkältung fesselt mich nicht direkt ans Bett, aber doch zumindest an die Wohnung. Lust-und antriebslos erledige ich Schreibtischarbeiten - und höre "MDR -Figaro". Etwas zum Leidwesen meiner Familie , aber teilweise konnte ich sie schon vom werbefreien, entschwafelten und entbanalisierten Rundfunkangebot überzeugen. Aber selbst für mich ist es an solch langen Tagen zu Hause irgendwann genug...
Nun gibt es bei diesem Sender wiederkehrende Rubriken, ähnlich wie bei einer Zeitung. Eine davon ist "Die Kolumne". Die von gestern fand ich so bemerkenswert, dass ich sie mir ausgedruckt habe. Dabei kam mir dann auch der Gedanke der Weiterverbreitung, der sich sicher mit den Intentionen des Verfassers deckt. Ich betone ausdrücklich: Ich bin nicht der Verfasser, Infos zu diesem gibt es nach dem Text! Und nun viel Spaß beim Lesen.
Die allmähliche Befreiung meiner Gedanken beim Spazieren
Zu den abstrusen Erfindungen der Neuzeit gehört der "Coffee-To-Go". Selbst beim Spazierengehen tut man noch so, als ob man keine Zeit habe. Und herauskommt das Gegenteil. Selbst beim Spazierengehen muss man jetzt vor allem auf Nebensächlichkeiten wie die achten, mit dem heißen Zeug nicht zu schlabbern. Lasst das sein. Genießt den Kaffee im Sitzen und lehnt euch dabei zurück. Schaut dabei – um Gottes Willen – auch nicht ins Fernsehen. Dort zeigt man euch nicht die weite Welt, sondern nur enge Gassen, in denen wir Menschen sehen, von denen wir nicht wissen, was sie denken, und die mit Waffen hantieren, von denen sie nicht wissen, wen sie damit treffen. Da schauen unmündige Bürger unmündigen Aufständischen zu, und man darf fragen, was aus der Aufklärung geworden ist, vor allem hierzulande, wo die Medien ihren Konsumenten keine Chance zum eigenen Denken geben.
Unentwegtes Flimmern
Man lässt uns keine Zeit. Unentwegt flimmern bunte Bildchen über den Fernsehschirm und permanent nehmen Schlauberger in Talkshows zu Themen Stellung, die sie nicht besser kennen als wir und die sie vergessen haben, wenn sie in der nächsten Runde sitzen und dann nicht mehr über einen Kriegseinsatz in Afghanistan oder Nordafrika schwadronieren, sondern sich plötzlich mit Fußnoten von Doktorarbeiten auskennen und immer schon gewusst haben, dass in der Wissenschaft Plagiate an der Tagesordnung sind.
Das Talent der Wahrnehmung
Natürlich haben wir längst den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen, aber wir nehmen uns nicht die Zeit, es zu tun. Wir schauen jeder neuen Sau nach, die von den Medien durch das Dorf gejagt und dann so schnell vergessen wird wie die letzten Siege von Bayern München. Wenden wir unseren Kopf weg von dieser medialen Überreizung und erinnern wir uns an das vorzüglichste Talent, das uns mit auf den Lebensweg gegeben worden ist, das Talent der Wahrnehmung, das uns die Schönheit der Natur erkennen lässt und dabei Freude bereitet. Das steht schon bei Aristoteles, der in diesem sinnlichen Vergnügen den Grund sah, der Menschen nach Wissen streben lässt.
Die "Winke der Natur"
Die Gedanken werden sich melden
Natürlich treibt der Dichter keine Physik, aber er macht Menschen Mut, ihren Gedanken die Chance zu geben, sich zu melden. Man kann sie mit den Wahrnehmungen der Sinne hervorlocken, zum Beispiel beim Spazierengehen mit offenen Augen, ganz allmählich und ohne "Coffee-To-Go". Die Gedanken werden sich melden, und mit ihnen erfasst uns ein Gefühl der Zufriedenheit. Zeit für einen Kaffee, um sich zu freuen und darüber zu sprechen.
Über den Autor
Ernst Peter Fischer, geboren 1947 in Wuppertal, studierte Mathematik und Physik in Köln sowie Biologie am California Institute of Technology in Pasadena (USA). Er habilitierte 1987 im Bereich Wissenschaftsgeschichte. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter "Laser – Eine deutsche Erfolgsgeschichte von Einstein bis heute" (2010) und "Das große Buch der Evolution" (2008).


